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Updated: 10/06/2013
 
Home > Where the Shadows Lie > German Interview > German Interview Michael Ridpath Interview – Sept 2010

Alle Ihre bisherigen Bücher waren Wirtschaftskrimis. „Fluch“ (orig.: „Where the Shadows Lie“) ist ein klassischer Kriminalroman mit einem originellen Plot und hat nichts mehr mit dem Thema Wirtschaft zu tun. Warum haben Sie das Genre gewechselt?

Für den Wechsel gab es einerseits einen kommerziellen und anderseits einen persönlichen Grund.
Über die Jahre sind die Verkaufzahlen meiner Wirtschaftskrimis zurückgegangen - und das, obwohl meiner Meinung und der Meinung meiner Leserschaft, die Qualität meiner Bücher gestiegen ist. In den 90ern gab es die Hoffnung, das Genre des Wirtschaftsthrillers könnte die Größenordung der Justizkrimis á la Grisham erreichen. Diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Es war an der Zeit, sich etwas zu überlegen.
Persönlich habe ich mich natürlich auch weiterentwickelt. Während ich am Anfang meiner Karriere als Schriftsteller unbedingt über Themen schreiben wollte, die ich gut kannte, beabsichtige ich jetzt einfach neue Dinge für mich und meine Leser zu entdecken.

“Fluch” ist in Island angesiedelt. Haben Sie ein spezielles Verhältnis zu diesem Land?

Nach einigen Überlegungen und mehrmaligen Besuchen meiner WH Smith-Buchhandlung habe ich mich für eine Krimi-Serie entschieden - und das mit einem unverwechselbaren Protagonisten. Die Idee über fremde Länder zu schreiben geisterte schon länger in meinem Kopf herum. Zwei Szenarien stellte ich mr zur Auswahl: einerseits ein aufrichtiger Polizist in einem korrupten Regime (in meinem Fall Saudi Arabien) und andererseits ein isländischer Detektiv.
1995 habe ich eine Lesereise durch Island unternommen. Ich fand dieses Land sehr außergewöhnlich. Die Landschaft, die Gesellschaft, die Leute - alles hat mich immer wieder aufs Neue überrascht.
Ich habe meine zwei Thriller-Szenarien in meinem Freundeskreis erzählt bzw. “ausgetestet” (lacht). Während die meisten skeptisch und vorsichtig mit dem Thema Saudi Arabien umgegangen sind, war die Neugierde zu Island enorm. Sie wollten mehr zu Island erfahren – übrigens genauso wie ich. Je intensiver ich mich nun mit Island beschäftige, desto mehr will ich über dieses fantastische Land schreiben.

Wie haben Sie Ihren Detektiv entwickelt?

Einem Detektiv den richtigen Namen zu geben ist ein schwieriger Prozess, aber in diesem Fall war das eine leichte Übung – Magnus. Der 2007 verstorbene Magnus Magnusson (Anm.: populärer BBC-Moderator) ist der absolute Lieblings-Isländer der Briten und diente mir als Vorbild bei der Namensgebung.

Folgende Problemstellungen musste und wollte ich aber lösen:
Mein Ermittler muss isländisch sprechen und sollte ein wenig ein Aussenseiter sein. Die unterschiedlichen Aspekte der isländischen Gesellschaft sollen in den Geschichten ebenfalls thematisiert werden, daher darf er kein Einheimischer sein, sonst wären diese teilweise für Nicht-Isländer exotisch wirkenden Gesichtspunkte nicht erwähnenswert.
Also habe ich mir einen komplizierten Hintergrund für Magnus Jonson ausgedacht:
Magnus ist in Island geboren. Nach der Trennung seiner Eltern, Magnus war noch ein Kleinkind, ist er mit seinem Vater nach Boston in die USA ausgewandert. Sein Vater nimmt eine Stelle als Mathematikprofessor an. Magnus wächst als einsames isländisches Kind an einer High School auf und entdeckt isländische Sagas für sich. Er studiert Jus an der Universität - da wird sein Vater getötet. Der Mörder konnte nicht gefasst werden. Dieser dramatische Einschnitt in seinem Leben verändert die Karrierepläne von Magnus und er beschließt, Polizist zu werden. Zwölf Jahre später arbeitet er als Seargent Detective bei der Bostoner Mordkommission und nachdem Magnus einem Korruptionsskandal innerhalb der Polizei auf der Spur ist, muss er für einige Zeit zur eigenen Sicherheit die USA verlassen. Parallel zu den Vorkommnissen in Boston sucht die isländische Polizei in Reykjavik einen Berater, da auch in Island die wachsende Kriminalität in der Großstadt zunehmend ein Problem ist. Ohne den Mordfall an seinem Vater gelöst zu haben, beschliesst Magnus das Jobangebot aus Island anzunehmen und fliegt nach Reykjavik um der örtlichen Polizei als Berater zu helfen.
Übrigens – im Gegensatz zu Magnus weiß ich, wer seinen Vater ermordet hat, aber ich werde es weder ihm noch an dieser Stelle verraten – das wird noch einige Bücher lang brauchen.

Haben Sie viel über Island gewusst?

Sehr wenig. Ich war zum ersten Mal in Island im Jahr 1995, als ich eine Lesereise für mein erstes Buch “Der Spekulant” (orig.: „Free to Trade“) gemacht habe. Ich fand das Land faszinierend und ich wollte es unbedingt als Spielort für einen meiner Wirtschaftskrimis verwenden, aber habe das nie geschafft. Die Isländer sind größtenteils ein hartarbeitender, manischer Charakter mit einem hoch entwickelten Sinn für Humor mit viel Ironie. Das Hauptthema in Island ist das Kollidieren des Alten und des Neuen. 1940 war Island wahrscheinlich das ärmste Land in Europa und bis 2007 hat sich das Land in eines der am meisten entwickelten Länder hochgearbeitet. Es scheint, dass jeder Isländer ein Facebook-Profil hat. Im Gegensatz dazu hat so gut wie jede Großmutter der aktuellen Generation noch an Elfen geglaubt – kurios!
Dieser Konflikt zwischen dem Alten und dem Neuen ist auch auf die Landschaft umlegbar. Raue Berge, wunderschöne weiße Gletscher, Fjorde, Lavafelder mit Moos, das sich in die Felsen hineinknabbert – gegensätzlich und wunderschön. Und natürlich gibt es immer wieder diese spektakulären vulkanischen Eruptionen. Es sieht alles sehr alt aus, aber geologisch gesehen ist eigentlich alles sehr neu und erst in einem Entstehensprozess. Natürlich ist diese Landschaft auch voll mit Mythen, Legenden, Trollen und Elfen, sowie den Orten der großen mittelalterlichen Sagas. Diese Sagas sind zutiefst im nationalen Bewusstsein Islands verankert. Zumeist wurden diese Sagas erstmals im 13. Jahrhundert aufgeschrieben und erzählen Geschichten über die Wikinger, welche diese Region im 10. Jahrhundert besiedelt haben. Ein wenig erinnern diese Geschichten an modernen Krimis: prägnante Charakterisierungen, viel Action, bunte Charaktere: Thorolf Lame Foot, Ketil Flat Nose und Ulf the Unwashed sind meine Favoriten. Natürlich gibt es da auch viel Blutvergießen, aber auch Wollust, Eifersucht, Trunkenheit und viele Auseinandersetzungen.
Ist das der Grund warum sie eine Saga in “Fluch” eingebaut haben?

Absolut. Ich habe mich für einen Professor des Isländischen entschieden, der eine verloren geglaubte Saga entdeckt. Was ist aber so besonders an dieser Saga? Ich wollte etwas wirklich Großes haben, etwas das auch außerhalb Islands nachhallen würde. Die Antwort kam sehr schnell: “Herr der Ringe”!
Ich war verblüfft, weil etwas passierte, dass eigentlich nie passiert: je mehr ich über Tolkien und die Sagas in Erfahrung brachte wusste, desto mehr hat alles zusammengepasst. Der Autor von “Lord of the Rings”, J.R.R. Tolkien, war seit der Kindheit von isländischen Sagas besessen, seit dem er die Übersetzung der „Saga of the Volsungs“ zum ersten Mal gelesen hat. Er hat in den 20ern den Old Norse Drinking Club an der Universität in Leeds gegründet, wo isländische Trinklieder gesungen und Sagas gelesen wurden. Und dann stellt es sich heraus, dass es in Island einen verdammt großen Vulkan gibt, den Mount Hekla und der die ganze Zeit aktiv ist. Im Mittelalter war er bekannt als „Mund der Hölle“ und somit perfekter Ort, wo man einen Ring hineinwerfen kann. Die bekannteste verlorene Saga in Island ist die „Gaukur Saga. Man weiß nicht viel über Gaukur – nur soviel, dass er auf einer Farm namens Stöng im Schatten des Mount Hekla lebte. Bei einer Eruption im Jahr 1104 wurde die Farm komplet mit Lava und Asche bedeckt und erst wieder 1939 wiederentdeckt.
Alles hat ideal zusammengepasst!

Wie lange dauert der Entstehungsprozess zu einem Buch von Michael Ridpath?

Ca. 18 Monate. Das setzt sich zusammen aus: 3-6 Monate Recherche und Planung, 4-6 Monate für das erste Konzept und 6-9 Monate für die nachfolgenden Entwürfe. Ich hatte gehofft, dass ich mit mehr Erfahrung Bücher auch schneller schreiben könnte. Das Faktum ist allerdings – wenn ich schneller schreibe, so dauert die Planung länger – so gleicht sich das wieder aus.
Ich könnte Bücher viel schneller schreiben, aber die Qualität würde darunter leiden, also tue ich es nicht.

Wie gehen Sie vor – wie entsteht ein Roman von Ihnen?

Als Vorbereitung dient mir ein Gesamtentwurf, in dem die unterschiedlichen Charakteren sowie die Szenen, die ich im Kopf habe sehr detailliert ausgearbeitet werden.
Beim tatsächlichen Start des Schreibens weiche ich zwar öfters von diesem geplanten Entwurf ab, aber oftmals ist er auch äusserst hilfreich um Zusammenhänge, Beziehungen und Erzählstränge zu erfassen. Genau dieses Wechselspiel zwischen Planung und spontaner Umstellung macht das Schreiben für mich so spannend und interessant – und davon sollen ja schlussendlich auch meine Leserinnen und Leser profitieren.

Vielen Dank für das Gespräch

Interview anlässlich der “WIENER KRIMINACHT 2010” am 28.9.2010
(Red.: Franz Schubert, Übersetzung: Nina Benkotic)

www.kriminacht.at/de/fotos/123

www.wienlive.tv/stadt/tv/1011